10.11.2021 | aktuelle Meldung

„Die MFA sind völlig verzweifelt“

ÄND-Interview mit Präsidentin Hannelore König

Die Pandemie bringt viele Medizinische Fachangestellte (MFA) an den Rand ihrer Belastungsgrenze. Aber auf einen Corona-Bonus warten sie weiterhin vergeblich. Ein Unding, findet Hannelore König – und hat sich jetzt mit einem Brandbrief an die Politik gewandt. Was sie von dieser erwartet, darüber sprach die Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe (vmf) mit dem Ärztenachrichtendienst (änd).

- Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des ÄND. -

Frau König, Sie haben sich vergangene Woche mit einem Brandbrief an den bayerischen Gesundheitsminister und Vorsitzenden der Gesundheitsministerkonferenz, Herrn Holetschek, gewandt. Warum gerade jetzt dieses Schreiben?

Aus verschiedenen Anlässen. Zum einen haben mich in den letzten zehn Tagen zunehmend Hilferufe von Medizinischen Fachangestellten erreicht, die nicht mehr ein noch aus wissen aufgrund der massiven Belastung in den Arztpraxen. Ein weiterer Anlass war, dass die Gesundheitsministerkonferenz vergangene Woche Donnerstag und Freitag getagt hat. Ebenso eine Rolle gespielt hat die Entscheidung des bayerischen Kabinetts zu dem erneuten Corona-Zuschlag für die Krankenhäuser – während die MFAs wieder leer ausgegangen sind. Das löst totalen Frust aus. Die MFA geben alles, aber den Bonus bekommen wieder nur die anderen.

Die Überlastung der MFA besteht ja eigentlich schon seit Beginn der Pandemie – mit vielleicht ein paar kurzen Verschnaufpausen im Sommer. Hat sich die Situation noch weiter verschärft?

Die MFA sind am Limit. Seit April hat die Belastung stetig zugenommen, zunächst einmal mit den Corona-Impfungen. Dann fing im September die Infektionswelle bei den Immungeschwächten an. Hinzu kamen wenig später die Aufrufe für die Corona-Auffrischungsimpfungen, außerdem für die Grippe- und Pneumokokken-Impfungen. Zusätzlich wurde noch Werbung gemacht für die Zoster-Impfung. Und jetzt explodieren die Corona-Infektionszahlen, das heißt, es gibt viele infizierte Patienten, die in den Praxen zunächst getestet und dann behandelt werden müssen. Das alles zusammen ergibt ein Pulverfass. Die MFAs sind völlig verzweifelt. Gleichzeitig berichten die Medien aber immer nur von der Überlastung der Kliniken. Wir Medizinischen Fachangestellten kommen darin kaum vor.

Nun hat sich Ihr Verband in der Pandemie ja schon mehrfach an die Politik gewandt, um auf die sich immer weiter zuspitzende Situation der MFA aufmerksam zu machen. Dennoch scheinen Sie kaum Gehör zu finden. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Nein, dafür habe ich keine Erklärung. Wenn ein Krankenhaus in einem Landkreis überlastet ist oder in Existenznot gerät, sieht das der zuständige Landrat sofort. Dann herrscht sofort Panik und der Sache wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Aber was in den Arztpraxen vor Ort los ist, was dort geleistet wird – auch, um die Kliniken vor noch mehr Überlastung zu schützen –, das wird irgendwie nicht gesehen. Es gelingt uns einfach nicht, so viel politischen Druck aufzubauen, dass man uns erhört und ernst nimmt. Sicherlich liegt es auch daran, dass wir keine dramatischen Bilder liefern können wie solche von schwerkranken, beatmeten Patienten auf den Intensivstationen.

Wir haben verschiedenen Politikern schon mehrfach angeboten, dass sie sich an einem Montagmorgen einfach mal in einer Arztpraxis ans Telefon setzen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was dort los ist. Bislang hat niemand ein solches Angebot angenommen. Stattdessen besuchen die Politiker Kliniken, Impfzentren, Pflegeheime. Das ist wichtig, keine Frage. Aber man hat das Gefühl, die Arztpraxen werden darüber hinaus total vergessen.

Sie stellen in ihrem Brandbrief zwei monetäre Forderungen auf: entweder einen Corona-Bonus für alle im niedergelassenen Bereich tätigen MFA oder eine bessere Honorierung der Corona-Impfung in den Praxen, die dann direkt an die MFA weitergegeben werden soll. Bei aller Berechtigung dieser Forderungen: Mehr Geld wird die aktuelle Überlastungssituation der MFA nicht von jetzt auf gleich entschärfen können. Welche Adhoc-Maßnahmen sind jetzt nötig?

Zum einen sollten die Impfzentren wieder geöffnet werden, um die Arztpraxen zu entlasten. Denn wir sehen: In den Regionen, wo die Impfzentren noch offen sind, ist die Belastung in den Praxen deutlich geringer. Vielleicht sollte man auch die Unterstützung der Bundeswehr anfordern. Sie hat ja in der Pandemie schon in den Pflegeheimen und in den Gesundheitsämtern geholfen. Im Prinzip sind alle Maßnahmen gut, die den Druck aus den Praxen rausnehmen.

Und der Corona-Sonderbonus oder eine höhere Bewertung der Impfleistung in den Praxen ist mir deshalb so wichtig, weil es ein wichtiges Signal an die MFA wäre, dass ihre Leistungen in der Pandemiebekämpfung gesehen und mit Wertschätzung bedacht werden. Das könnte vielleicht die eine oder andere Medizinische Fachangestellte davon abhalten, ihrer Arbeit im ambulanten Bereich den Rücken zu kehren. Mit 20 Euro ist die Corona-Impfung im ambulanten Bereich absolut unterbewertet.

Haben Sie Hoffnung, dass Ihnen die neue Bundesregierung mehr Aufmerksamkeit schenkt?

Bündnis 90/Die Grünen, FDP und SPD haben auf unsere Fragen zur Bundestagswahl geantwortet und zugesagt, dass sie den Einsatz der Gesundheitsberufe – zu denen die MFA zählen – sehen und stärken wollen. Sie wollen ihnen wie auch den anderen Gesundheitsberufen mehr Verantwortung übertragen. Und ich hoffe sehr, dass sie Wort halten und dass dann im Koalitionsvertrag nicht wieder nur die Förderung der Pflegeberufe festgehalten wird, sondern dass auch die Medizinischen und Zahnmedizinischen Fachangestellten erwähnt werden oder die Formulierung zumindest so offengehalten wird, dass wir uns darin wiederfinden.

Und das ist auch dringend notwendig, denn der Fachkräftemangel in den Arztpraxen ist mittlerweile immens und hat durch die Pandemie noch einmal stark zugenommen. Immer mehr MFA werden abgeworben, um Lücken zu schließen im Öffentlichen Gesundheitswesen und in den Kliniken – und fehlen dann in der ambulanten Versorgung. Auf Dauer ist die dann nicht mehr sicherzustellen. Ich hoffe, dass das den Koalitionsparteien bewusst ist und dass sie dagegen angehen werden.

In Ihrem Brandbrief an Herrn Holetschek kritisieren Sie auch das relativ niedrige monatliche Bruttogehalt von MFA. Sind dafür nicht auch ein Stück weit die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in ihrer Rolle als Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber verantwortlich?

Sicherlich liegt die Verantwortung auch zum Teil bei den Niedergelassenen. Wir haben bestehende Tarifverträge und das sind für uns als Tarifpartner die Mindeststandards für die Gehälter der Medizinischen Fachangestellten. Das Problem ist aber die fehlende Gegenfinanzierung der Tarifsteigerung, gerade in den Praxen im niedergelassenen Bereich. Wir haben für die MFA eine Erhöhung von 6 bis 11,8 Prozent verhandelt, rückwirkend zum 1. Januar diesen Jahres, die dann auch direkt gezahlt wurde. Währenddessen ist bei den jüngsten Honorarverhandlungen für die Vertragsärzte auf Bundesebene bei der Schlichtung nur eine Punktwert-Steigerung von 1,275 Prozent herausgekommen. Das verschärft die Situation deutlich. An dieser Stelle teile ich dann auch die Meinung der Ärzte, die sagen: „Wir haben mit diesen Rahmenbedingungen wenig Spielraum und sind ohne eine Gegenfinanzierung der Tarifsteigerung nicht mehr wettbewerbsfähig.“ Das Öffentliche Gesundheitswesen und die Kliniken können mit ganz anderen Rahmenbedingungen aktuell MFA und ZFA abwerben. Und sie tun das auch ganz massiv.

Keine MFA gibt ihren Beruf gern auf und tauscht ihn ein gegen eine Rolle als OP-Hilfskraft ein. Wenn sie damit aber mehr Geld verdient und weniger Stress hat, dann kann ich diese Entscheidung nachvollziehen.

Fühlen Sie sich denn von der Ärzteschaft ausreichend unterstützt? Zumindest von den jüngsten Ärztetagen ging ja mehrfach das Signal aus, dass MFA mehr Unterstützung und mehr Wertschätzung bekommen müssen. Auch die Forderung nach einem Corona-Sonderbonus für MFA ist von Ärztevertretern immer wieder zu hören.

Das ist ein ganz wichtiges Signal. Ich bin zum Beispiel in Bayern in engem Kontakt mit dem dortigen Hausärzteverband, mit dem Hartmannbund und mit der Landesärztekammer, um zu schauen, was wir gemeinsam in Bayern noch tun können, damit auch die MFA ihre Wertschätzung bekommen – jetzt, da der erneute Corona-Sonderbonus eigentlich schon durch ist und die MFA wieder leer ausgegangen sind.

Die breite Basis der Ärzteschaft – von der Bundesärztekammer über den Hartmannbund bis hin zu den einzelnen Hausärzteverbänden und auch Facharztverbänden – steht hinter uns, zumindest merken wir eine breite Unterstützung aus dem niedergelassenen Bereich. Es wäre darüber hinaus wichtig, dass die Ärzteschaft die Medizinischen Fachangestellten in der Öffentlichkeit explizit nennt. Und auch aus den anderen Gesundheitsberufen wird uns jetzt mehr und mehr Solidarität entgegengebracht. Dort ist man teilweise auch fassungslos, wie mit uns MFA umgegangen wird.

Was werden Sie tun, wenn die Politik Ihre Forderungen weiterhin nicht erhören sollte? Bleibt dann am Ende vielleicht nur noch die Option, auf die Straße zu gehen?

In unserer derzeitigen Situation wäre eine solche Maßnahme bestimmt gerechtfertigt. Aber MFA sind in der Regel so pflichtbewusst, dass sie so etwas nur machen würden, wenn sie damit keinem Patienten schaden würden. Also auf die Straße gehen, ja, aber nicht statt zu impfen, sondern vielleicht zusätzlich. Wir werden auf jeden Fall noch mehr in die Öffentlichkeit gehen müssen, anders werden wir auf unsere Situation nicht aufmerksam machen können. Wir müssen den MFA eine Stimme und ein Gesicht geben – aber sicher nicht mit Aktionen, die die Versorgung gefährden könnten.

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