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25.11.2009
Mundgesundheit und Allgemeingesundheit untrennbar verbunden
Ein wissenschaftlich besonders aktuelles Thema stand im Fokus der Aktionen rund um den traditionellen Tag der Zahngesundheit am 25. September: Das Motto „Gesund beginnt im Mund – krank sein oftmals auch“ wies als knappe Botschaft auf die komplexe gegenseitige Beeinflussung von Allgemeingesundheit und Mundgesundheit hin.
Hier hat die Wissenschaft in letzter Zeit eine große Anzahl an Zusammenhängen erkannt, die eine veränderte Sichtweise auf die Zahnmedizin werfen und deutliche Relevanz haben für die Prävention von Erkrankungen und die Verbesserung von Heilungschancen. Der Aktionskreis zum Tag der Zahngesundheit, der mit rund 30 Mitgliedsorganisationen interdisziplinär besetzt ist, hält es für wichtig und dringlich, sowohl Zahnmedizin, Medizin, Gesundheitspolitik und Krankenkassen, insbesondere aber auch die Bevölkerung auf die enge Verbindung von Mund- und Allgemeingesundheit hinzuweisen. Der gemeinsam gestaltete Tag der Zahngesundheit, dies wurde bei der zentralen Pressekonferenz zum Tag der Zahngesundheit am 11. September 2009 in Berlin betont, biete eine hervorragende Chance, auf breiter Ebene mehr Bewusstsein für diese Thematik zu schaffen.
„Zahnmedizin integraler Bestandteil des medizinischen Fächerkanons“
Der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer Dr. Dietmar Oesterreich stellte fest, dass zahnmedizinische Erkrankungen hinsichtlich der Ursache und Entstehung keinerlei Sonderrolle im Vergleich zu schweren Allgemeinerkrankungen einnehmen. Beste Erklärung hierfür liefere die Risikofaktorenmedizin. So gelten für die Entstehung von Karies, Parodontitis und koronaren Herzerkrankungen die gleichen Verhaltensrisiken, wie Rauchen, Stress oder Ernährung. Die so genannte Ungleichheitsforschung zeige wiederum, dass auch die sozialen Umfeldbedingungen, wie niedriges Einkommen und einfache Schulbildung sowohl bei allgemeinmedizinischen Erkrankungen als auch bei zahnmedizinischen Erkrankungen zu einer Polarisation des Erkrankungsrisikos führen: Menschen in sozial schwierigen Lebenslagen haben ein stark erhöhtes Erkrankungsrisiko und sie partizipieren an Gesundheitsgewinnen nur wesentlich langsamer als die Allgemeinbevölkerung.
Oesterreich: „Wir können also auch auf Grund der internationalen Literaturergebnisse feststellen, dass der Zusammenhang zwischen Mundgesundheit und Allgemeingesundheit feststeht und die Zahnmedizin einen integralen Bestandteil des medizinischen Fächerkanons darstellt.“ Besondere Herausforderungen ergäben sich außerdem durch den demografischen Wandel. Da Alter und zunehmendes Erkrankungsrisiko, also Multimorbidität, deutlich korrelierten, müssten die Zahnarztpraxen künftig damit rechnen, dass die Anzahl älterer Patienten mit allgemeinmedizinischen Erkrankungen deutlich zunimmt.
Zugleich gehe der erfreulicherweise deutlich zunehmende Zahnerhalt bei Erwachsenen und Senioren aber paradoxerweise damit einher, dass insbesondere die schweren Formen der Parodontitis und die Wurzelkaries deutlich zunehmen. Als Sprecher appellierte er an alle Beteiligten, bei Prävention und Therapie von Zahn- und Munderkrankungen vermehrt auch allgemeinmedizinische Erkrankungen im Blick zu haben. Aber auch die Kammern seien dazu aufgerufen, Fortbildung an medizinischen Inhalten auszurichten. Auch Politik und Gesellschaft müssten die neuen wissenschaftlichen Fakten entsprechend berücksichtigen: Bei der Diskussion über Allokation von Mitteln im Gesundheitswesen dürften mundgesundheitliche Aspekte nicht ausgeklammert werden, entsprechende Vorschläge der Zahnärzteschaft, wie beispielsweise Festzuschüsse, seien in Vorbereitung.
Verzahnungen zwischen Parodontitis und Allgemeingesundheit
In seinem Statement ging Prof. Dr. James Deschner (Universität Bonn) als wissenschaftlicher Referent bei der zentralen Pressekonferenz detailliert auf die Zusammenhänge zwischen Erkrankungen der Mundhöhle und des ganzen Körpers ein. „Bakterielle Infektionen und Entzündungen der Mundhöhle können den Gesamtorganismus beeinträchtigen, umgekehrt können systemische Erkrankungen die Entstehung von krankhaften Veränderungen in der Mundhöhle fördern. Mit der Aufdeckung der Zusammenhänge bzw. Wechselwirkungen zwischen Erkrankungen der Mundhöhle und des gesamten Körpers ergeben sich neue Möglichkeiten für eine effektivere Krankheitsprävention und -therapie.“
Der bei Diabetes erhöhte Zuckerspiegel, der sich auch im Speichel und in Zahnfleischtaschen nachweisen ließe, führe insbesondere bei schlecht eingestellten Diabetikern zu krankhaften Veränderungen an den Blutgefäßen. Typische entzündungsfördernde Proteine lagerten sich nicht nur im Körpergewebe ab, sondern auch im Zahnhalteapparat und verstärkten dort eine sich entwickelnde orale Entzündung. Parodontitis muss somit als sechste Komplikation eines Diabetes angesehen werden.
Gleichzeitig zeigten Studien, dass durch eine Beseitigung der Infektion in der Mundhöhle der Blutzuckerspiegel bei Diabetes habe gesenkt werden können: Vermutlich hemmen die aus den infizierten Zahnfleischtaschen über die Blutbahn in den Körper wandernden Bakterien und Entzündungsmoleküle die Insulinwirkung mit der Folge eines höheren Blutzuckerspiegels: „Durch die Therapie einer Parodontitis“, so Prof. Dr. Deschner, „wird die Infektions- und Entzündungsquelle im Mund reduziert und dadurch offenbar die Wirkung des Insulins verbessert.
Die Beziehung zwischen Parodontitis und kardiovaskulären Erkrankungen verdeutlichte er so: Parodontitispatienten haben offenkundig ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall und periphere arterielle Verschlusskrankheit). Grund sind meist verengte bis verschlossene Gefäße. Da die Häufigkeit von Parodontalerkrankungen in der Bevölkerung sehr hoch ist, hat das erhöhte Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen bei parodontalen Infektionen eine große gesundheitsökonomische Bedeutung. Als Ursache für das erhöhte Risiko bei Parodontitis werden wiederum Bakterien und Entzündungsmoleküle, die aus der Mundhöhle ins Blut und damit zum Herzen, Gehirn und in die Beine gelangen, angenommen. Die Bakterien und Entzündungsmoleküle schädigen die Blutgefäßzellen und fördern die Atherosklerose und Blutgerinnung. Erste Studien konnten nachweisen, dass durch die Behandlung einer Parodontitis die Gefäßfunktion, die bei einer Atherosklerose zunehmend eingeschränkt ist, verbessert werden kann. Zukünftige Studien müssen zeigen, ob durch eine Parodontitistherapie auch der Entstehung von Herzinfarkt und Schlaganfall vorgebeugt werden kann.
Die bakterielle Infektion Parodontitis scheint auch das Risiko für Frühgeburtlichkeit und Untergewichtigkeit bei Schwangerschaft zu beeinflussen, so Deschner weiter. Schwangere Frauen, die an einer Parodontitis erkrankt sind, tragen ein höheres Risiko, ihr Neugeborenes vor der 37. Schwangerschaftswoche und/oder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 2500 g zu entbinden. Wie in den Herzkranzgefäßen wurden Parodontitisbakterien auch in der Fruchtblase nachgewiesen. Es ist daher denkbar, dass Bakterien und Entzündungsmoleküle aus der Mundhöhle zu einem vorzeitigen Blasensprung und Wehen oder aber zu einer Wachstumshemmung des Fötus im Mutterleib führen. In mehreren, jedoch nicht allen Studien konnte das Risiko für Frühgeburtlichkeit und Untergewichtigkeit durch eine Parodontitistherapie reduziert werden. Obwohl eine abschließende Aussage noch nicht möglich ist, zeigen diese Untersuchungen, dass eine Parodontitistherapie auch während der Schwangerschaft bis zum 3. Trimenon risikofrei durchgeführt werden kann. Deschner: „Wir wissen heute: Orale und systemische Gesundheit hängen stärker zusammen als bisher vermutet. Parodontitis, Diabetes und viele andere Erkrankungen können nicht vollständig ausgeheilt werden. Es ist jedoch möglich, diese Erkrankungen erfolgreich zu kontrollieren und negative Folgen zu minimieren. Dafür sollten die Patienten betreut, regelmäßig nachuntersucht und gegebenenfalls erneut behandelt werden. Eine erfolgreiche Parodontitistherapie bei Patienten mit Allgemeinerkrankungen erfordert die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt, Arzt und Patienten.“